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„111 Gründe, laufen zu gehen“

Lauf-Enthusiast Julien Wolff im E-Interview

Zwei rasante Eichhörnchen inspirierten Julien Wolff beim Zusammentragen von 111 Gründen für das Laufen. „Weil Eichhörnchen uns beweisen, wie viel Spaß das Laufen macht.“ Doch nicht nur das Eichhörnchen-Argument, sondern die Fülle seines stichhaltigen Beweismaterials ist so überzeugend, dass man spätestens beim Lesen des 111. Grundes seine Puschen gegen Sneaker tauscht.

© Nadine Rupp
© Nadine Rupp

Julien Wolff…
…berichtet als Sportredakteur der Welt-Gruppe über die Fußballer des FC Bayern und die Nationalmannschaft. Machmal kommt er sogar internationalen Fußballgöttern ganz nah, z.B. bei seinem Selbstversuch, sich in nur 10 Wochen ein Sixpack wie Ronaldo anzutrainieren…

Ist der Malarathon etwa kein guter Grund?

Mit Ihrem gerade erschienenen Motivationsbuch führen Sie gleich „111 Gründe, laufen zu gehen“ an. Einen der allerbesten Gründe haben Sie allerdings nicht mal erwähnt. Waren Sie etwa noch nie beim Malarathon dabei?

Das ist das Tolle am Laufen: Egal, wie viel und wie oft man schon gelaufen ist – die Ziele und Pläne für die Zukunft gehen einem trotzdem nie aus. Bislang war ich noch bei keinem Malarathon dabei, finde die Idee aber großartig und kann mir das für die kommenden Jahre gut vorstellen. Den Kampf gegen Malaria halte ich für enorm wichtig. Ich habe noch nicht teilgenommen, um noch besser zu werden, um beim Malarathon dann richtig anzugreifen und dort wirklich in Topform „aufzulaufen“.

Das Schöne an meinem Buch ist ja, dass es jedem Läufer im letzten Kapitel die Gelegenheit bietet, seine eigenen Gründe für das Laufen zusammenzutragen. Da können sich alle Malarathon-Fans also richtig austoben.

Wen hatten Sie vor Augen, als Sie die 111 Gründe zusammengetragen haben?

Vor Augen hatte ich tatsächlich oft zwei sehr rasante Eichhörnchen, die vor dem Fenster meines Arbeitszimmers an den Bäumen und Hauswänden hoch rannten. Eigentlich auch noch ein Grund für das Laufen: „Weil Eichhörnchen uns beweisen, wie viel Spaß das Laufen macht.“ Gedanklich hatte ich die Läufer und Läuferinnen vor Augen, die Lust auf ein lustiges und lockeres Laufbuch haben. Ohne zu viel wissenschaftlichen Kram. Ein Buch von einem Läufer für Läufer, das man auch gut zwischendurch mal ein paar Minuten lesen oder an Lauf-Begeisterte verschenken kann. Ich hatte Menschen vor Augen, die das Laufen lieben. Oder die immer schon mit dem Laufen anfangen wollten, aber noch den letzten Kick brauchen. Lebensfrohe Menschen mit Humor. Und Bock auf Sport. Menschen aus Berlin, Hamburg, München, Großhansdorf, Chemnitz – Laufen ist überall! Und überall wunderbar.

„Beweg dich, oder es scheppert!“

Wann und wie sind Sie selbst zum Laufen gekommen? Und hatten Sie je mit dem „inneren Sc hweinehund“ zu kämpfen?

Ich musste immer schon laufen. Als Kind, um morgens nicht den Bus zur Schule zu verpassen. Als Jugendlicher dann, weil mein Fußball-Trainer mich geschickt motivierte („Beweg dich, oder es scheppert!“). Oder er meine Qualität als Standfußball einfach verkannte, das weiß ich bis heute nicht. Später habe ich dann entdeckt, dass Laufen richtig Spaß machen kann. Und es eine tolle Gelegenheit ist, um fit zu bleiben, Ideen zu sammeln und den Kopf frei zu kriegen.
Mit dem „inneren Schweinehund“ hatte ich sehr oft zu kämpfen. Gerade wenn ich mal müde war oder die Zeit knapp war. Aber dafür ist dieser verdammte Hund ja da: Um ihn zu überwinden. Das kennt denke ich jeder von uns. Im Buch finden sich viele Tipps, wie man und frau das hinkriegt. Dann klappt’s auch mit dem Marathon und Malarathon.

In Ihrem Buch brechen Sie eine Lanze für Jogginghosen u. ä. „Gegenargumente“ von Laufskeptikern. Welchen Vorbehalten begegnen Sie besonders oft?

Dass Laufen den Gelenken schadet. Dass zu viel Laufen generell ungesund ist. Dass Laufen nichts für Frauen ist, weil es dem Busen schadet. Dass Laufen langweilig ist. Dass jeder Jogging-Hosen-Träger die Kontrolle über sein Leben verloren hat.
Alles Quatsch! Laufen ist großartig. Ein Sport, den wir nicht unnötig verkomplizieren sollten. Laufen ist einfach, Laufen ist unbedenklich. Natürlich gilt es, auf ein paar Dinge zu achten. Auf welche, das steht im Buch. Dann ist alles ganz easy.

Läufer haben besseren Sex!

Wer zieht aus Ihrem Motivationsbuch am meisten „Nutzen“? Läufer mit Motivationsproblemen oder (Noch-)Nicht-Läufer mit Starthemmung?

Beide! Wer Motivationsprobleme hat, der findet viele Gründe, diese hinter sich zu lassen. Beispiel: Läufer haben besseren Sex! Das ist durch Studien belegt. Und Läufer sind kreativer! Auch das haben seriöse Forscher herausgefunden. Mehr Motivation geht doch eigentlich nicht, oder? Den Noch-Nicht-Läufer lege ich folgende Gründe ans Herz: 1.) Laufen ist einfach. 2.) Ihr werdet schnell Fortschritte machen. 3.) Laufen macht glücklich. Also: Geht ihr noch? Oder lauft ihr schon?

Haben Sie eigentlich ein Mantra beim Laufen, das Sie selbst unterstützt, Tiefs zu überwinden? Oder lässt das Runners High bei Ihnen erst gar keine inneren Hürden aufkommen?

Ich denke gern an Forrest Gump. Lauf, Forrest, Lauf. Also in meinem Fall: Lauf, Julien, Lauf. Ich motiviere mich, indem ich mich selbst anfeuere, mich selbst fordere. Und indem ich mir Ziele setze. Heute 10 Kilometer. Den Halbmarathon in zwei Monaten. Und so weiter. Und das Runners High ist auch sehr erstrebenswert. Schon mal erlebt? Ich noch nicht. Glaube ich zumindest. Man kann das ja leider nicht nachweisen. Auch das ist also ein Ziel.

Eine etwas andere „Bestzeit“

In Ihrer „Liebeserklärung ans Laufen“ geht es natürlich nicht nur sachlich zu. Sie haben auch Kurzportraits und spannende wie lustige Anekdoten zusammengetragen. Welches ist Ihr Lieblingsschmankerl?

Das ist Grund 10. Ich finde ihn spektakulär! Lest selbst, ich spendiere den kompletten Grund als Leseprobe:

Weil Sie nie langsamer als Shiso Kanaguri sein werden
1912, Marathon in Stockholm. Dort lief Shiso Kanaguri eine etwas andere „Bestzeit“. Er war einer der beiden Japaner, die sich zum ersten Mal für Olympische Spiele qualifiziert hatten. Seine Kommilitonen sammelten Geld, damit er nach Schweden aufbrechen konnte. Die Reise zog sich über 18 Tage. Zunächst ging es mit dem Schiff nach Wladiwostok, dann mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland und über Finnland nach Stockholm. Der Trip hinterließ Spuren: Kanaguri brauchte dort angekommen fünf Tage Erholung, ehe er wieder trainieren konnte. Aber egal – er war da.
Es folgte der Tag des Marathons. Für schwedische Verhältnisse war es an diesem ungewöhnlich heiß, rund 32 Grad, und eine vom Wegrand zusehende Familie bot dem vorbei laufenden Japaner bei Kilometer 30 im Vorort Sollentuna ein Glas Saft an. Sie saß gemütlich im Garten und schlug Kanaguri vor, sich bei ihnen kurz auszuruhen. Kanaguri nahm die Einladung dankend an und legte sich hin. Vor Erschöpfung nickte er ein und verschlief das Rennen. Er wachte erst am nächsten Morgen auf. Die Polizei suchte ihn schon, der Läufer war als vermisst gemeldet worden. Angeblich schämte sich Kanaguri so sehr, dass er sich zunächst weigerte, nach Japan zurückzukehren. Er meldete sich nicht ab, und so hieß es lange, Kanaguri würde immer noch irgendwo in den Straßen Stockholms umherirren.
Er raffte sich dann aber doch auf, kehrte nach Japan zurück und setzte seine Läufer-Karriere erfolgreich fort. Kanaguri gewann in den darauffolgenden drei Jahren die nationalen Meisterschaften im Marathon. 1967, zwei Weltkriege später, fragte ein schwedischer Journalist den Marathon-Schläfer sinngemäß: Warum beendest du das Ding nicht noch? Und weckte Kanaguris Ehrgeiz. Die Schweden luden den Japaner ein, zurückzukommen.
Er war inzwischen 75 Jahre alt und Universitätsprofessor und reiste also wieder nach Stockholm. Dort setzte er seinen Lauf von der Stelle fort, an der er damals die Ruhepause eingelegt hatte, und beendete 54 Jahre, acht Monate, sechs Tage, drei Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden nach dem Start den wohl langsamsten Marathon aller Zeiten. Seine (hochgerechnete) Durchschnittsgeschwindigkeit: 8,4 Zentimetern pro Stunde.
2012, also hundert Jahre später, beeindruckte sein Urenkel mit einer tollen Geste. Yoshiaki Kurado startete beim Stockholm Marathon – und stieg vor Kilometer 30 in Sollentuna aus. An jener Stelle, an der sein Urgroßvater sich ausgeruht hatte. Und die Nachkommen der Garten-Familien reichten ihm ein Glas Limonade.

Waschmaschine für Kopf und Geist

Könnten Sie sich ein Leben ohne Ihre „Waschmaschine für Kopf und Geist“ überhaupt noch vorstellen?

Nur schwer. Wie sagt man so schön: Laufen braucht kein Mensch. Aber der Mensch braucht das Laufen.

Last not least: Welcher Ihrer 111 Gründe überzeugt Sie selbst am meisten?

Gar nicht so einfach zu beantworten! Es sind echt verdammt viele gute Gründe für das Laufen dabei. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich für diese zwei:
Weil wir auch gegen Zombies laufen können. Und: Weil wir mit dem Laufen nervigen Nachbarn aus dem Weg gehen können.
Zwei Dinge, die den Alltag eines Läufers wirklich deutlicher entspannter machen.

Vielen Dank für das Interview!

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