„Der Tanz des Kranichs“

Kampfsportler Hilmar Fuchs im E-Interview

Schon als junger Mann nahm Hilmar Fuchs (67) das Studium asiatischer Kampfkünste auf. Er ist u. a. Träger des 8. Dan im Karate und bekleidete viele Ämter im deutschen Karatesport. Seit sieben Jahren ist er außerdem zuständiger Lehrgangsleiter für die Ausbildung von Tai-Chi-Lehrern im Bayerischen Karate Bund. Gemeinsam mit seiner Frau lebt und arbeitet er heute in Florida, wo das Paar eine Schule für Martial Arts und eine eigene Heilpraktiker-Praxis betreibt.

Herr Fuchs, in Ihrem gerade veröffentlichten Buch “Der Tanz des Kranichs” steht die über 800 Jahre alte Kranichform des Tai Chi im Mittelpunkt. Was reizt Sie an dieser derart traditionsreichen Bewegungskunst so sehr, dass ein Buch dabei herausgekommen ist?

buch_ tanz-des-kranichs2015Gegenüber anderen bekannten Tai Chi Formen, welche wir auch ausüben, legt die Form des Kranichs mehr Ausdruck auf die Verbindung Erde / Mensch / Himmel. Hier wird sozusagen die „dritte Dimension“ stärker betont. Unsere Schüler bezeichnen das als „uplifting“ und sprechen von einem starken und unwahrscheinlich angenehmen Gefühl der Entfaltung, der Leichtigkeit und Losgelöstheit. So können die „Dinge“ aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Dies hat übrigens schon bei taoistischen Priestern in der Vergangenheit den Wunsch hervorgerufen, nach ihrem Tod als „Himmelskranich“ aufzusteigen.

Mit der Kranichform „Bedrücktheit“ überwinden

Was macht diese Tradition für das Hier & Jetzt aus Ihrer Sicht besonders sinn- und/oder wertvoll?

Kurz gesagt: In unseren heutigen Welt sehen wir tagtäglich sehr „bedrückte“ Menschen um uns herum. Um diese „Bedrücktheit“ zu überwinden, könnte die Kranichform ein nicht nur körperliches Wiederaufrichten bewirken. Denn diese „Bedrücktheit“ ist nicht nur für unsere Körperhaltung negativ, sondern sie underdrückt auch lebenswichtige Körperfunktionen. Eine aufrechte Körperhaltung bewirkt auch eine positive „Geisteshaltung“.

“Der Tanz des Kranichs” wurzelt in der Legende des Kampfes zwischen Schlange und Kranich. Inwiefern hat die Kranichform des Tai Chi andere kämpferische Anteile als “härtere” Kampfkünste?

Im Gegensatz zu Menschen versuchen Tiere zunächst den Kampf zu vermeiden mit dem Wissen, dass grundsätzlich alle Beteiligten verletzt werden könnten. Tiere führen sozusagen einen Tanz auf, mit dem sie ihre Fähigkeiten zeigen. Damit versuchen sie, eine tatsächliche Konfrontation zu vermeiden. Wie schon Gandhi sagte: „…ein Auge für ein Auge und bald wird die ganze Welt blind sein…“.

Hintergrundwissen, um Gesundes zu tun

Dem Übungspart haben Sie “ganzheitlich” erläuternde Ausführungen zur Gesundheit von Körper & Geist, zu Yin, Yang & Qui sowie zur Intelligenz des Körpers vorangestellt. Lässt sich (die Kranichform des) Tai Chi nur mit diesem Hintergrundwissen erlernen?

Grundsätzlich sollten wir bei allen Sportarten – egal ob die Kranichform oder Zumba – über ein Hintergrundwissen des Körpers und seiner Funktionen verfügen. Ich befürchte, dass viele „Wochenendkrieger“ ihren Körper eher Schaden zufügen als Gesundes zu tun mangels Hintergrundwissen.

Mit dem Untertitel “Tai Chi für Gesundheit und Wohlbefinden” zielen Sie auf andere Werte ab als der fitnessorientierte Zeitgeist mit Schlagwörtern wie “Body-Forming” und “Fat-Burning” betont. Welche Zielgruppe(n) hatten Sie beim Schreiben des Buches vor Augen?

In jungen Jahren reden wir ueber Body-Forming und „Fat-Burning“, den sichtbaren Werten, um äußerlich attraktiv zu erscheinen. Aber wer muss diese äußeren Werte „herstellen“? Unsere inneren Organe. Und hier liegt ein Problem: Diese Organe verausgaben sich und können in späteren Jahren ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden. Hier versuchen wir mithilfe der Kranichform und dem Verständnis über unseren Körper die „innere Essenz“ wieder aufzuforsten, um auch in späteren Jahren gesund zu sein.

Finger- und Zehenaktivität (auch) für’s Hirn

In der Kranichform des Tai Chi werden die Gliedmaßenspitzen besonders stark gefordert. Wieso?

Aus der Akupunktur kennen wir, dass die inneren Organe Verbindungen zu Körperendungen – wie z.B. Fingern und Zehenspitzen – haben. Daher versuchen wir, diese Verbindungen aufrecht zu erhalten, sonst sind diese „off-Line“. Und schließlich bedeutet Finger- und Zehenaktivität auch Gehirntraining.

Für wen eignet sich der Akzent auf Füßen, Zehen, Händen und Fingern besonders? Für wen ist dieser Fokus ggf. ungeeignet?

Grundsätzlich ist meiner Meinung nach die Arbeit für Finger, Zehen, Hände, Füße für alle Altersklassen geeignet. Da gibt es die Aussage „…Finger und Zehen sind die Verlängerungen des Gehirns…“

Sie leben seit einigen Jahren in Florida, wo Sie als Heilpraktiker arbeiten und – gemeinsam mit Ihrer Frau – eine Schule für klassische Martial Arts, Tai Chi, Karate, Kobudo, aber auch für Nordic Walking and Body Powercise betreiben. Wie kam’s zu dieser Mischung und wie “kommt sie an”?

„Die Mitte bewahren“ meint im Yin und Yang zu leben und zu erleben, nichts über- oder unterzubewerten – und diese Mischung lebt sich unserer Erfahrung nach gut.

Vielen Dank für das Interview!

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