EMS- statt Rücken-Training?

Thomas Beisswenger im E-Interview

Im Bereich der „Rückenleiden“ hängen die Anwendungsmöglichkeiten sehr stark vom Wissen und Können des jeweiligen Anwenders (Trainer, Therapeut) ab. Ein erfahrener Therapeut kann mit der notwendigen Sorgfaltspflicht in extrem vielen Indikationsbereichen positive Reize setzen…

Thomas Beißwenger

Thomas Beisswenger…
…ist Physiotherapeut und staatlich anerkannter Sport- und Gymnastiklehrer. Im Lehrteam Physiotherapie des Berufskollegs Waldenburg deckt er die Unterrichtsfächer Physikalische Grundlagen und Elektrotherapie ab.
^^^ Weitere Infos zur Person

Kosten/Nutzen in EMS-Training & -Therapie

Ihr Kollege und „Rücken-Experte“ Prof. Dr. Froböse hat kürzlich behauptet, die größte Gefahr im Zusammenhang mit EMS-Training bestünde für den Geldbeutel. Heißt das, die finanzielle Investition steht in einem ungünstigen Verhältnis zum gesundheitlichen Nutzen des EMS-Trainings? ; )

In der gesamten Diskussion um den Nutzen und die Risiken im Zusammenhang mit EMS muss unbedingt differenziert werden, ob es sich um eine reine Trainingssituation oder um eine therapeutische Arbeit mit EMS handelt. Die qualitativen Unterscheide im EMS-Markt sind extrem und machen eine Qualitätssicherung unbedingt erforderlich. Bei einem guten aus- und fortgebildeten Trainer/ Therapeut wird der Geldbeutel sicherlich nicht unnötig belastet.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für EMS-Training bzw. -Therapie als Alternative zum guten alten WBS/Rückentraining?

Ich schätze das Chancenpotential deutlich höher ein als das Risikopotential. Risiken können eigentlich nur dann entstehen, wenn nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ gearbeitet wird. Der verantwortungsvolle Umgang des Trainers/ Therapeuten mit EMS ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Die Arbeit mit EMS unterstützt und ergänzt meiner Meinung nach das klassische Rückentraining optimal.

Was gibt die aktuelle Studienlage zu den EMS-Effekten für verbreitete Rückenbeschwerden her? Und wo besteht noch Forschungsbedarf?

Im Bereich des EMS besteht in allen erdenklichen Bereich ein Forschungsbedarf. Vor allem im Bereich der therapeutischen Anwendung der EMS ist die Studienlage extrem dünn. Im Bereich der trainingsbezogenen Studien muss man die Arbeit an der Uni Erlagen sowie der Deutschen Sporthochschule Köln besonders hervorheben.

Rückenbeschwerden: Wie mit EMS behandeln?

Welche Rückenleidenden können (wie) vom EMS-Training profitieren?

Im Bereich der „Rückenleiden“ hängen die Anwendungsmöglichkeiten sehr stark vom Wissen und Können des jeweiligen Anwenders (Trainer, Therapeut) ab. Ein erfahrener Therapeut kann mit der notwendigen Sorgfaltspflicht in extrem vielen Indikationsbereichen positive Reize setzen. Großes Potential im Bereich des therapeutischen Arbeitens sehe ich bei Indikationen wie Bandscheibenprotrusion und -prolaps, Skoliose, Fatty involusions, Lumbalgie und Ischialgie. Die Indikationsliste lässt sich aber noch weit über das Thema Rücken hinaus vervollständigen und ergänzen.

Worauf sollten Trainer/innen und Trainierende bei EMS-basierten Rückentraining achten?

Der Trainer sollte unbedingt seine Grenzen und Möglichkeiten einschätzen können. Er sollte sich bei allen unklaren Problematiken medizinisch-therapeutische Hilfestellung suchen, um mögliche Risiken für den Kunden/ Patienten zu minimieren. Ein grundsolide Aus- und Fortbildung stellt die notwendige Basis dafür dar. Dies Qualität wird z.B. über die Weiterbildungen am Berufskolleg Waldenburg sichergestellt.

Besteht beim EMS-Rücken-Training eine größere Gefahr einzelne Muskel(gruppe)n „zu isoliert“ zu trainieren? Oder wird dabei eher der gesamte Core mittrainiert?

Der Trainingseffekt orientiert sich am Einsatz der unterschiedlichen Elektroden. Je nach gewünschtem Therapie-/ Trainingsziel kann mit mehr oder weniger Elektrodeneinsatz gearbeitet werden. Es sollte aber immer an eine möglichst gleichmäßige Einstellung der ausgewählten Elektroden gedacht werden.

Was halten Sie vom Trend zum EMS-Heimtraining? Welche Chancen und Risiken sehen Sie konkret im Zusammenhang mit den TENS/EMS-basierten Rückengürteln (als Pendant zum 6pack-Gurt)?

Ich sehe den Trend zum Heimtraining eher kritisch, da ein Training meiner Meinung nach in die Hände eines gut ausgebildeten Trainers/ Therapeuten gehört. Im Heimtraining ist die Möglichkeit der Überlastung durch falsche Dosierung bzw. nicht korrekte Ausführung der Übungen gegeben. Die Rückengürtel müssen kritisch bewertet werden, da nicht immer ersichtlich ist, mit welchen Frequenzen gearbeitet wird.

Vielen Dank für das Interview!

EMS-SPECIAL 2017 – WEITERE BEITRÄGE

FIBO 2017: EMS-Special (Übersicht)
EMS-Training: Mit dem Strom schwi…tzen!
EMS-Training im 6-Wochen-Test
Anja (51): „Weniger Röllchen wären schon schön…“
Für wen (welches) EMS-Training Sinn macht
EMS – wieso überhaupt? Und wenn ja, wo und wie?
Zu unserem lokalen EMS-Branchenverzeichnis
Ihre persönlichen „Strom-Anbieter“ in Berlin
Markttrends, Zahlen & Fakten zum EMS-Training
EMS: Von der Reha-Nische zum Breitensport?
EMS-Training ohne wissenschaftliches Fundament?
Prof. Dr. Nicola A. Maffiuletti im E-Interview (English)
Frische EMS-Studienergebnisse erwartet
Prof. Dr. Michael Fröhlich im E-Interview
Auf dem Prüfstand: TÜV-geprüftes EMS-Training
Wilhelm Sonntag (TÜV Rheinland)

FRÜHERE EMS-BEITRÄGE AUF BERLINissima.sport

EMS-Training: PROs & CONS
Vor- und Nachteile des 20-Minuten-Versprechens
EMS: Wunderwaffe gegen „Frauenprobleme“?
Dr. Heinz Kleinöder im E-Interview
EMS-Interview: Keine Scheu haben
Tipps & Erfahrungen von Lore (58)
EMS-Training im Selbsttest
Schmerzlinderung – auch dank EMS

FITNESS-TRENDS & -NEWS AUS UND FÜR BERLIN