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EMS: Wunderwaffe gegen “Frauen­-Probleme”?

Dr. Heinz Kleinöder im E-Interview

Wirkt Elektromyostimulation tatsächlich gegen Migräne, bei der Schwangerschaftsrückbildung, nach der Menopause oder auch schlicht im Kampf gegen “Problemzonen”? Im E-Interview erläutert Dr. Heinz Kleinöder, Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, wobei, inwieweit und wem EMS-Training wirklich “hilft.”

Einige Studios werben mit EMS als Wunderwaffe gegen Migräne, bei der Schwangerschaftsrückbildung, nach der Menopause, bei Harninkontinenz oder auch schlicht im Kampf gegen die  ́weiblichen Problemzonen ́. Bei welchen  ́Frauen­-Problemen ́ wirkt EMS aus wissenschaftlicher Sicht nachweislich??

Bei Ganzkörper­EMS wird Strom meist niederfrequent über die Haut ortsnah in die Muskulatur geleitet. EMS bewirkt damit eine gezielte Ansteuerung von Muskeln, wobei die willkürliche Muskelarbeit durch die zusätzliche EMS intensiviert wird. Da eine gut trainierte Muskulatur viele Probleme des Menschen, wie z.B. Dysbalancen, Rückenschmerzen, geschlechtsspezifische Problemzonen etc. bekämpft, ist diese Form des Trainings durchaus empfehlenswert. Wissenschaftliche Studien liegen für verschiedene konditionelle Fähigkeiten im Leistungs­ und Breitensport und im medizinischen Bereich vor (z. B. Physiotherapie, Herzklinik). Damit einher gehen Verbesserungen von Körperwahrnehmung und eine Straffung der Muskulatur..

́Falls Sie Ihre Tage haben, sollten Sie heute nicht mit dem Training beginnen ́, wurde mir an meinem ersten EMS­-Testtag geraten. Dann sei ich zu schmerzempfindlich. Auch Schwangeren sowie Menschen mit neurologischen oder Herz-Kreislauf­Erkrankungen wird von der Elektromyostimulation abgeraten. Was sollten Frauen beim EMS­-Training (noch) beachten?

Grundsätzlich ist die Zielstellung beim Ganzkörper-­EMS wichtig. Wenn es darum geht, die Muskulatur zu kräftigen, so sind eine kleine Zwischenmahlzeit und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr vor dem Training sinnvoll, da diese Trainingsform als intensiv eingestuft werden kann. Darüber hinaus sollte die Anstrengung langsam vorbereitet werden, damit es keinen schmerzhaften Muskelkater gibt. Beim lockeren Entspannen mit EMS sind keine besonderen Vorbereitungen für das Training nötig.

  ́Wie kommt’s, dass ich bei unserem gemeinsamen EMS-Training vornehmlich eine Figurstraffung erfahre, während sich mein Mann über sichtbaren Muskelaufbau freut? ́ ­ dieser Frage geht ein EMS­Studio auf seiner Website nach, ohne die geschlechtsspezifischen Effekte von EMS­ und herkömmlichem Krafttraining zu vergleichen. Gibt es denn hierbei keine unterschiedlichen Wirkungsweisen auf Männer und Frauen?

Nein, der weibliche und der männliche Muskel unterscheiden sich nicht fundamental voneinander. Muskeln zeigen sich erst bei geringem Fettanteil, der bei Frauen höher liegt als bei Männern. So lässt sich erklären, dass bei vielen Frauen zunächst eine Straffung auftritt, die aber keinesfalls als eine schlechtere Ausprägung der Muskulatur zu interpretieren ist.

Die meisten Männer werden beim EMS­-Training mit der Stromstärke so weit gehen, dass sie vor lauter Zuckungen nicht mehr sprechen könnten, wurde mir in unserem Test-­Studio versichert. Zucken die Herren nur schneller, oder sind sie (beim Sport)   ́masochistischer ́ als Frauen? Und inwieweit ist es beim EMS­-Training überhaupt ratsam, bis an die eigenen Schmerzgrenzen zu gehen?

Hier wird meist Intensität mit Effektivität verwechselt. Es scheint so zu sein, dass die Erfahrung von Schmerzgrenzen für den ein oder anderen Mann erstrebenswert ist. Für ein erfolgreiches Training ist eine zu hohe Intensität kontraproduktiv, da daraus lange Regenerationszeiten resultieren. Vielmehr sollten dynamische Bewegungen mit zusätzlicher
Applikation von EMS durchgeführt werden, da dabei der zusätzliche Stimulus über das gesamte Bewegungsausmaß wirkt. Dadurch wird eine sinnvolle Intensität quasi automatisch sicher gestellt.

Training mit oder ohne Anleitung, ein oder zwei Mal die Woche, mit niedrigen oder hohen Frequenzen ­ je nach  ́EMS­Philosophie ́ weichen die Trainingsansätze teilweise stark voneinander ab. Welche Kriterien sollten ­ gerade von Frauen ­ bei der Wahl eines EMS­-Studios oder eines EMS­-Heimtrainers zugrunde gelegt werden?

Ein Training unter Anleitung eines qualifizierten Trainers stellt aus meiner Sicht einen sinnvollen Einstieg dar. Es sollte 2mal pro Woche trainiert werden, wobei die dabei verwendeten Frequenzen sich unterscheiden können. Im Vordergrund steht immer das Wohlbefinden der Trainierenden, da die Anpassung im Breitensport weniger von der Frequenz der Stimuli als vielmehr von der Regelmäßigkeit des Trainings abhängt. Bei der Gerätewahl bzw. der Studiowahl kann ich nur empfehlen zu prüfen, ob die Hersteller wissenschaftliche Studien vorweisen können bzw. welche Qualifikationsnachweise die verantwortlichen Trainer erworben haben.

Vielen Dank für das E­-Interview!

 

Die Erstveröffentlichung des E-Interviews erfolgte im September 2012 im Frauen-Online-Journal www.aviva-berlin.de.

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