Frische EMS-Studienergebnisse erwartet

Prof. Dr. Michael Fröhlich im E-Interview


Ganz konkret haben wir uns in ersten Untersuchungsreihen mit der Frage beschäftigt, wie viele Lern-, Gewöhnungs- und Anpassungseinheiten vor einem eigentlichen EMS-Training auszuführen sind, damit der Anwender mögliche negative Erfahrungen vermeiden kann…

 © TU Kaiserslautern
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Prof. Dr. Michael Fröhlich…
…ist Professor für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Bewegungs- und Trainingswissenschaft an der TU Kaiserslautern. Er habilitierte 2010 zu ökonomischen Aspekten in der Trainingswissenschaft mit der Verleihung der Venia Legendi für Sportwissenschaft.
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EMS-Training: Potenzial & offene Fragen

Ihr Schweizer Kollege Nicola Maffiuletti hat kürzlich die Auffassung geäußert, dass Ganzkörper-EMS-Training zu früh eingeführt worden sei, denn man wisse wissenschaftlich noch zu wenig darüber. (Inwieweit) teilen Sie diese Einschätzung?

Das ist eine gute Frage, geht es darum, abzuschätzen, wann eine Innovation, eine neue Trainingstechnologie oder eine neuartige Trainingsmethoden eingeführt wird. In der klinischen Forschung, wenn bspw. ein neues Medikament auf den Markt kommen soll, greift man dabei auf festgeschriebene wissenschaftliche Ablaufschritte zurück. Diese haben wir so in der angewandten Sportwissenschaft nicht. Daher wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen, ob diese Auffassung berechtigt oder doch zu vorsichtig war.

Inwiefern ist die Forschungslage tatsächlich aus Ihrer Sicht besonders lücken- bzw. mangelhaft (in Relation zu anderen Sportarten)?

Da es sich beim Ganzkörper-EMS-Training um eine relativ neuartige geräteunterstützte Trainingstechnologie handelt, muss die Forschungslage, bedingt des neuartigen Charakters gegenüber etablierten Trainingsmethoden oder Verfahren, per se geringer ausfallen. Denken Sie an das Vibrationstraining, die Wirkungen von Kompressionskleidung, den Nutzen von Wearables etc. Nichts desto trotz, können wir auf eine ca. 5-10-jährige Forschungslage zurückblicken. Da sich erst in neuerer Zeit zunehmend die Wissenschaft des Themas Ganzkörper-EMS-Training annimmt, zeigt sich einerseits das Potenzial dieser Technologie und andererseits die große noch zu erschließende Forschungslage.

Welche Fragestellungen und Wissenslücken haben im Rahmen Ihrer neuen Ganzkörper-EMS-Studie warum höchste Priorität?

Wir wissen noch relativ wenig über die genauen Anpassungseffekte. Dass Ganzkörper-EMS-Training positive Effekte auf verschiedene Kraftparameter, die Körperzusammensetzung, Parameter der Ausdauerleitung, den Stoffwechsel hat, konnte in zahlreiche Studien eindrucksvoll belegt werden. Wie diese Anpassungen zustande kommen, ist noch in weiten Teilen ungeklärt. Des Weiteren ist die Forschungslage zu den langfristigen Wirkungen des EMS-Trainings noch recht dünn. Die optimalen Belastungskennziffern gilt es weiter zu spezifizieren. Sie sehen, Fragen gibt es noch einige, die beantwortet werden müssten.

Safety first: EMS-Forschung für mehr Sicherheit

Stehen dabei auch Ihre „Leitlinien zur Anwendung von Ganz-Körper-EMS“ erneut auf dem Prüfstand? Oder sind diese bereits evidenzbasiert?

Leitlinien sind ein erster Schritt zur Orientierung, so auch zur Anwendung des Ganzkörper-EMS-Trainings. Wir haben versucht nach evidenzbasierten Kriterien und internationalen Standards die Leitlinien zu formulieren. Haben wir weitere Erkenntnisse und neue empirische Belege, so sollten die Leitlinien erneuert und den aktuellen empirischen Studien Rechnung tragen.

(Wie) werden Ihre Studienergebnisse dazu beitragen, dass EMS-Studios, -TrainerInnen und -AnwenderInnen, aber auch Zertifizierung- und Prüfungseinrichtungen wie TÜV Rheinland und BVGSD zukünftig noch mehr Risikofaktoren ausschließen können?

Allgemein könnte man sagen, dass wir weiter auf den oben beschriebenen Feldern forschen. Ganz konkret haben wir uns in ersten Untersuchungsreihen mit der Frage beschäftigt, wie viele Lern-, Gewöhnungs- und Anpassungseinheiten vor einem eigentlichen EMS-Training auszuführen sind, damit der Anwender mögliche negative Erfahrungen vermeiden kann, z.B. Muskelkater etc. Die ersten Ergebnisse hierzu zeigen, dass es günstiger wäre mehrere Anpassungseinheiten vorzuschalten. Das heißt, ein einmaliges vorgeschaltetes Einführungstraining reicht nicht aus.

In den Leitlinien warnen Sie explizit vor unangeleitetem EMS-Training. Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit Sie doch „grünes Licht“ für das EMS-Heimtraining geben?

Ich bleibe bei unserer Aussage, ein EMS-Training sollte nur durch gut ausgebildete und geschulte Instruktoren angeleitet und überwacht werden. Ein alleiniges EMS-Training zuhause und ohne korrekte Unterweisung und Überwachung sollte vermieden werden. Dies aus zwei zentralen Gründen: Wie wollen sie sicherstellen, dass die Regulation der einzelnen Muskeln gerade bei höheren Reizkonfigurationen nicht zu einem Muskeltetanus führt und sie nicht mehr selbst das Gerät bedienen können. Zum Zweiten, brauchen sie zur korrekten und sichern Übungsausführung eine Unterstützung. Darüber hinaus kann man nicht davon ausgehen, dass jeder Anwender über ein ausgeprägtes trainingsmethodisches Wissen verfügt, was zur längerfristigen Trainingsgestaltung unerlässlich ist.

Nationaler EMS-Studienrahmen

Bei anderen EMS-Projekten (z.B. bei den Leitlinien) haben Sie mit mehreren Kooperationspartnern zusammengearbeitet. Bei der aktuellen Studie nun „nur“ mit den Kollegen von der DHfPG. Wäre eine „breitere Aufstellung“ – auch mit internationalen Kooperationen – nicht sachdienlicher?

Prinzipiell wäre es natürlich von Vorteil, wenn sich noch weitere Forschergruppen dem Thema Ganzkörper-EMS-Training öffnen würden. Nach meinem aktuellen Wissen kann man derzeit davon ausgehen, dass an der Deutschen Sporthochschule Köln, in Erlangen, in Saarbrücken und in Kaiserslautern Studien zum EMS-Training laufen. International wird das Thema noch sehr zurückhaltend diskutiert.

Ihre Studie dauert insgesamt drei Jahre. Langfristige Folgen – Chancen wie Risiken des Ganzkörper-EMS-Trainings – können Sie also nicht untersuchen. (Inwiefern) planen Sie schon jetzt, diese Wissenslücke zu schließen?

So pauschal kann ich die Frage nicht stehen lassen. Das Forschungsprojekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt, wie es weiter geht, wird sich zeigen. Dies ist ein durchaus üblicher Zeitrahmen für Forschungsprojekte. In drei Jahren kann man schon einiges an wissenschaftlichen Fakten zusammentragen. Schaut man sich die Zeiträume üblicher Trainingsinterventionen an, so findet man oftmals 6-8-wöchige Trainingsphasen. Hier wollen wir weiter gehen.

Welche Zwischenergebnisse gibt es bereits? (…bzw. wann ist damit zu rechnen?)

Wie bereits gesagt, haben wir uns in mehreren Versuchsanordnungen mit den zeitlichen Aspekten des Gewöhnens an das Ganzkörper-EMS-Training beschäftigt. Darüber hinaus ist die Datenaufnahme zu subjektiven Einschätzungen des EMS-Trainings abgeschlossen. Dabei haben wir auch den Einfluss des Unterhautfettgewebes berücksichtigt. Die Ergebnisse wollen wir zeitnah auswerten und vorstellen.

Gibt es für Sie unumstößliche PRO-Ganzkörper-EMS-Argumente, die Sie allzu skeptischen Zeitgenossen entgegenhalten können, ohne auf weitere Forschungsergebnisse zu warten?

Hier müsste ich etwas ausholen. Lassen sie mich die Frage etwas verkürzt und durchaus polemisch beantworten: Jede Tätigkeit bringt Risiken, wenn sie ins Auto steigen, die Wohnung putzen oder zum Training gehen. Unter einer sachgerechten Anleitung und trainingsmethodisch fundierten Unterweisung ist das EMS-Training im Hinblick auf das Risiko-Nutzen-Verhältnis ein überaus lohnenswertes Unterfangen. Betrachtet man noch den Zeitaspekt, so dürfte das Ganzkörper-EMS-Training eine gute Bereicherung des Trainingsalltags darstellen.

Vielen Dank für das Interview!


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