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Interview: Sport und Demenz

„Nun sind Sport- und Bewegungsangebote für Menschen mit Demenz ja noch nicht fürchterlich weit verbreitet. Aber da tut sich aktuell eine Menge! Vielleicht muss man auch erst einmal die Sport- und Wandervereine vor Ort anstoßen, damit sie sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen beginnen. Genau darum geht es auch in unserem Projekt „Was geht! Sport, Bewegung und Demenz“.“

© Demenz Support Stuttgart
© Demenz Support Stuttgart
Peter Wißmann…

…ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Demenz Support Stuttgart gGmbH. Er leitet dort unter anderem das Projekt „Was geht! Sport, Bewegung und Demenz“, bei dem es darum geht, mit und in Sport-, Wander- und anderen Vereinen Angebote für Menschen mit kognitiven Veränderungen zu öffnen und zu entwickeln.

www.demenz-support.de
www.sport-bewegung-demenz.de
Herr Wißmann, warum wird Menschen mit Demenz heute eher Sport als Gedächtnistraining empfohlen?

Es hat sich gezeigt, dass Gedächtnistraining meist nichts bringt, eher frustriert. Sport, oder besser: Bewegung, hat aber deutliche Auswirkungen. Nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die seelische Gesundheit und auf die Lebensqualität.

Wie wirkt Sport grundsätzlich auf Demenzkranke – physisch, psychisch & mental?

Bewegung fördert die Sauerstoffversorgung im Gehirn und die Bildung neuer Blutgefäße. Muskelkraft, Balancefähigkeit und Ausdauer werden verbessert. Das ist ganz wichtig, denn gerade ältere Menschen leiden ja oft unter Bewegungsmangel mit der Folge, dass sie auch im Alltag nicht mehr gut klar kommen. Viele werden dadurch unselbständig. Vor allem machen Sport und Bewegung Spaß, führen zu sozialen Kontakten und verbessern, gerade wenn sie draußen stattfinden, die Stimmung enorm.

Dient Sport auch zur Demenzprävention? Oder verzögert sich dadurch nur der Krankheitsverlauf?

Sport und Bewegung beugen allen möglichen Krankheiten vor. Das Spektrum reicht bekanntermaßen von Herz- über Diabetes- bis hin zu Krebserkrankungen oder Übergewicht. Sie beugen auch dem Abbau kognitiver Fähigkeiten vor. Es gibt Studien, nach denen senkt Bewegung das Demenzrisiko um 30 – 50 Prozent!

Ist Sport für alle Formen und Stufen der Demenz ein empfehlenswerter Ansatz? …auch für Sportmuffel?

Wer sich sein Leben lang nicht viel bewegt hat, der wird in der Regel auch im Alter oder bei Demenz nur schwer zu motivieren sein. Prinzipiell ist aber allen Menschen, die mit einer Demenz leben, Bewegung anzuraten und eigentlich ist sie auch allen möglich. Der eine kann vielleicht Radfahren und Joggen, der andere vielleicht nur Sitzgymnastik treiben – je nach Situation und individuellen Voraussetzungen.

Worin unterscheiden sich Sportangebote für Menschen mit Demenz von anderen Fitness-Angeboten für Senioren?

Sie müssen sich nicht unbedingt groß unterscheiden. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen brauchen vielleicht mehr Anleitung oder Orientierungshilfen als andere. Oft reichen aber schon Vormachen und Nachmachen, damit alles klappt. Es sollte sicherlich nicht um Hochleistungen gehen. Das Tun ist wichtig, nicht der Leistungsrekord. Vieles sollte eine Spur bedächtiger gehen als früher. Aber das betrifft auch viele Menschen ohne demenzielle Veränderung! Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind genauso unterschiedlich wie alle anderen. Wir kennen Betroffene, die fahren locker 80 Kilometer mit dem Rad. Ein anderer besteigt Berge und läuft beim Marathon mit.

Sollte es mehr separate oder mehr Inklusions-Fitnessangebote für Menschen mit Demenz geben?

Unbedingt mehr inklusive! Die meisten Menschen mit kognitiven Veränderungen wünschen sich, nicht ‚besondert‘ zu werden. Sie wollen ein Leben mitten in der Gesellschaft führen, drin bleiben, dabei bleiben. Das heißt auch: Mit anderen Menschen in Kontakt sein, nicht nur unter Gleichbetroffenen bleiben. Es muss daneben auch spezielle Angebote für diejenigen geben, die auf eher geschützte Räume angewiesen sind. Aber inklusive Angebote sind gerade für so genannte Frühbetroffene sehr wichtig. Dass sie wunderbar funktionieren können und für alle Beteiligten eine wichtige Lernerfahrung bieten, haben wir im Rahmen unseres Projektes „Was geht!“ zeigen können.

Welche Sportarten und welche Übungen eignen sich warum besonders? Ist nur Gruppen- oder auch Einzelsport empfehlenswert?

Niedrigschwellige Sport- und Bewegungsarten wie zum Beispiel das Wandern haben den Vorteil, dass sie recht viele Menschen ansprechen können. Das gilt auch für andere Angebote, bei denen neben der Bewegung das soziale Miteinander oder das Erleben der Natur eine Rolle spielen. Das bedeutet auch, dass Gruppenangebote in der Regel Einzelangeboten vorzuziehen sind. Ansonsten kann alles eine passende Sport- oder Bewegungsart darstellen. Wir haben Erfahrungen mit Gymnastik, Radfahren, Tanzen, Walken, Kanufahren…Das Wichtigste sind immer die Rahmenbedingungen, die auf die Anforderungen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen ausgerichtet werden müssen.

Welche Tipps haben sie für Menschen mit Demenz (& Angehörige), die sich für 2015 (mehr) Sport vorgenommen haben?

Es tun! Erst einmal schauen, ob man Gleichgesinnte kennt. Das hilft, sich auch wirklich aufzuraffen. Und dann muss man schauen, ob und wo es passende Angebote in der Nähe gibt. Nun sind Sport- und Bewegungsangebote für Menschen mit Demenz ja noch nicht fürchterlich weit verbreitet. Aber da tut sich aktuell eine Menge! Vielleicht muss man auch erst einmal die Sport- und Wandervereine vor Ort anstoßen, damit sie sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen beginnen. Genau darum geht es auch in unserem Projekt „Was geht! Sport, Bewegung und Demenz“. Wer Tipps oder Unterstützung braucht, kann sich gerne an uns wenden.

Vielen Dank für das Interview!
Buch-Tipp: Seniorenaktivierung kompakt

buch_seniorenaktivierung2012Gleich drei aktuelle Studien machen Mut im Kampf gegen Alzheimer: „Basierend auf den Ergebnissen der neuen Studien ist regelmäßige körperliche Betätigung ein Faktor, der das Gehirn vor einer Alzheimer Demenz und anderen Demenzerkrankungen schützen kann und sogar die Symptome der Demenz mindern kann, wenn man bereits erkrankt ist,“ fasste Maria Carrillo aus dem Forschungsvorsitz der Alzheimer Assoziation die Studienlage zusammen. Wie gut, dass Monika Hammerla und Claudia Keller diesen Ball gefangen haben und ihnen mit „Seniorenaktivierung kompakt“ ein praxisnaher Ratgeber gelungen ist. Die Fachtherapeutin für Gedächtnistraining und die Diplom-Pflegewirtin stellen darin einfache bis anspruchsvolle Gruppen-Aktivierungsangebote für „Körper, Geist und Seele“ vor. Ob ambulant oder stationär umgesetzt, in jedem Fall schützen und stärken die vorgestellten Bewegungsübungen weit mehr als rein physisch.
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