Interview zum Buch „MuskelRevolution“

„Basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfahren die Leser in diesem Buch erstmals, wie Muskelaufbau wirklich funktioniert und wie man diesen Vorgang konkret durch Training und Ernährung beeinflussen kann. Der Ansatz ist komplett neu: Statt irgendwelche Behauptungen aufzustellen und diese in ein glänzendes Marketinggewand zu stecken, liefere ich zuerst die wissenschaftlichen Mechanismen, wie Muskel- und Kraftaufbau funktioniert, um dann daraus effektive und effiziente Trainings- und Ernährungsstrategien abzuleiten.“

dr.toigoDr. sc. nat. Marco Toigo…
…befasst sich im Rahmen seiner universitären Forschungsarbeit im Labor für Muskelplastizität der Uniklinik Balgrist mit den Mechanismen des Muskelaufbaus und -abbaus. Nebst seiner Forschungstätigkeit ist er als ETH-Hochschuldozent fur Muskel- und Sportphysiologie sowie als Buchautor tätig.
www.muskelrevolution.ch
www.tenseup.ch

Kürzlich wurden die schlimmsten 10 Beleidigungen für Personal Trainer veröffentlicht. Dazu zählt “Sie sehen gar nicht aus wie ein Trainer”. Sie selbst wurden in einem Ihrer letzten Interviews damit konfrontiert, dass Sie nicht aussehen wie ein Wissenschaftler. Sehen Sie sich selbst mehr als Wissenschaftler oder als Sportler?

Genau genommen war die Aussage des Interviewers, dass ich nicht dem “typischen Bild” eines Wissenschaftlers entsprechen würde. Offenbar existieren klischeehafte Vorstellungen, wie ein Wissenschaftler auszusehen hat und ich nehme zur Kenntnis, dass es für einzelne Leute ein Novum ist, dass Grips und Muskeln synchron in nur einer Person auftreten können. Glücklicherweise kann man immer etwas dazulernen. Ich trainiere und forsche täglich – und zwar in Personalunion.

In Ihrem frisch erschienenen Buch “MuskelRevolution” stehen “Konzepte und Rezepte zum Muskel- und Kraftaufbau” im Mittelpunkt. Worin unterscheidet sich Ihr Werk von anderen themenverwandten Titeln?

Basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erfahren die Leser in diesem Buch erstmals, wie Muskelaufbau wirklich funktioniert und wie man diesen Vorgang konkret durch Training und Ernährung beeinflussen kann. Der Ansatz ist komplett neu: Statt irgendwelche Behauptungen aufzustellen und diese in ein glänzendes Marketinggewand zu stecken, liefere ich zuerst die wissenschaftlichen Mechanismen, wie Muskel- und Kraftaufbau funktioniert, um dann daraus effektive und effiziente Trainings- und Ernährungsstrategien abzuleiten.

Sie vermitteln der Leserschaft also zunächst mal wissenschaftliche Grundlagen?

Wenn Sie die Leistung eines Motors steigern wollen, müssen Sie auch zuerst verstehen
a) an welchen Schrauben Sie überhaupt drehen können,
b) an welchen Schrauben es sich lohnt, zu drehen und
c) in welche Richtung (d. h. “wie”) Sie drehen müssen.
Mit diesem Buch erhalten Sie alle Werkzeuge in die Hand, um Ihr Training zu revolutionieren.

Ein Amazon-Rezensent kritisiert Ihren wissenschaftlichen Jargon und meint, wenn er Ihr Buch vor Beginn seiner Sportler-Laufbahn gelesen hätte, wäre er “nie angefangen mit dem schönen Sport”. Würden Sie “MuskelRevolution” nur Lesern mit akademischem Hintergrund empfehlen?

Ich verstehe weder Inhalt noch Logik dieser Äusserung. Das ist etwa so, wie wenn Sie jemandem erklären, dass 2 + 2 = 4 ist und diese Person Ihnen darauf entgegnet, dass wenn sie das vorher gewusst hätte, sie nie mit dem Rechnen begonnen hätte. Das Buch richtet sich ganz klar an alle, die sich für Muskeltraining interessieren, und zwar nicht nur oberflächlich. Ein akademischer Hintergrund ist nicht notwendig, dafür die Bereitschaft, sich mit fundierten Inhalten und Begründungen offen, d. h. unvoreingenommen, auseinanderzusetzen und dabei die eigene Trainings- und Ernährungspraxis zu hinterfragen.

Wann und wodurch sind Sie zum (Kraft-)Sport und wie zur Sportwissenschaft gekommen?

Zur Sportwissenschaft bin ich nie gegangen, dafür zur Naturwissenschaft des Muskels resp. des Muskeltrainings. Sport und Training sind keine Synonyme. Ich habe mich schon als Jugendlicher für Bewegung interessiert. Zuerst für Sportarten wie Fussball und Kampfsport, dann für Muskeltraining.

Was fasziniert Sie an der „Muskelwissenschaft“?

Die Plastizität von Muskeln ist extrem faszinierend! Zudem bergen Muskeln viele verborgene Facetten. Die Erzeugung von Bewegung, z. B. beim Sport, ist nur eine von vielen Funktionen der Skelettmuskulatur. Muskeln müssen vielmehr auch als Drüsen, d. h. endokrine Organe, verstanden werden. Während und nach dem Training schütten die Muskeln Botenstoffe ins Blut aus. Über den Bluttransport gelangen die Botenstoffe zu vielen Zielorganen im Körper, z.B. zum Gehirn, zur Leber, zur Bauchspeicheldrüse, zum Fettgewebe, zum Magen-Darm-System, zu den Knochen und zum Herz, und entfalten dort die positiven Effekte auf die menschliche Gesundheit. Fehlen diese aktivitätsabhängigen Muskelbotenstoffe, kommt es zu Fehlfunktionen in den entsprechenden Organen. Solche Fehlfunktionen können die Basis für chronische Erkrankungen bilden.

Auch wenn Sie sich für den wissenschaftlichen Zugang begeistern, haben Sie den Praxisbezug nicht verloren und engagieren sich in sozialen Projekten wie “Muskelprotz”, wo Sie Jugendlichen erläutern, wie man sauber und sicher trainiert. Was reizt Sie daran besonders?

Die Aufklärung über die fundamentalen Rollen von Muskeln und wie man die Muskeln richtig behandelt, ist für mich sehr wichtig. Junge und alte Leute für dafür zu begeistern, erachte ich als eine gute Sache und ich kann diesbezüglich einen Beitrag leisten. Darum engagiere ich mich dafür, qualitativ höchstwertige Informationen zu diesen Aspekten altersgerecht und den Prioritäten entsprechend einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Das Projekt “Muskelprotz” setzt bei einem der größten Risikofaktoren von Kraftsport und Bodybuilding an: Dass die Fixierung auf eine rein äußerliche Körperoptimierung mit gesundheitlichen Gefahren einher geht. Wie gelingt es Ihnen, dieses Risiko nicht nur bei Ihrer Arbeit mit den Jugendlichen im Blick zu behalten?

Für die Aussage, dass die “rein äusserliche Körperoptimierung” per se und a priori ein gesundheitlicher Risikofaktor darstellt, gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis. Den Muskeln ist es ziemlich egal, aus welchen Gründen Sie sie trainieren. Viel wichtiger ist die Frage, wie Sie trainieren. Die Trainingsqualität entscheidet über Nutzen und Risiken.

Die Zeit-Redakteur David Binnig hat bei Ihnen im Selbstversuch ein “Training für leidensfähige Sportler” absolviert. Dabei kommt auch die Okklusionsmethode zum Einsatz. Was ist für Sie noch “natürlicher Sport”? Wo setzen Sie Grenzen?

Um diese Frage zu beantworten, müsste ich zuerst wissen, wie Sie “natürlichen Sport” genau definieren, resp. was Sie damit meinen. Meinen Sie “fairen Sport”? Nun, die Natur ist a priori nicht fair. Wenn unterschiedliche Personen gleich trainieren und essen, wird die Stärke der Trainingsanpassung trotzdem stark variieren. Ein Grund hierfür sind genetische Unterschiede zwischen den Individuen. Diese genetischen Unterschiede können sich wesentlich auf den Trainingserfolg und somit auch auf die sportliche Performance auswirken. “Natürlich” ist daher nicht gleich “fair”. Folglich muss diese Frage viel grundsätzlicher diskutiert werden.

Der “Spaßfaktor” beim Sport spielt in Ihrem Buch nur eine untergeordnete Rolle. Welche Bedeutung hat er in Ihren eigenen Workouts?

Training ist nicht gleichbedeutend mit Sport. Mein Buch soll Leuten helfen, mit weniger Aufwand bessere Resultate zu erzielen, unabhängig davon, was die individuellen Zielsetzungen sind. Ob Muskelaufbau, funktioneller Kraftaufbau, Reduktion des Körperfettanteils (“Definition”), Ästhetik oder Gesundheit, die grundlegenden Mechanismen, die im Buch erklärt werden, lassen sich durch den Leser in Eigenregie auf alle Bereiche anwenden. Für mich persönlich spielt der Spass während des Trainings keine wichtige Rolle. Muss er auch nicht. Hartes Training hat für mich kontemplativen Charakter, denn in diesen Momenten bin ich ganz bei mir, absolut zentriert. Das tut gut.

Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für Menschen mit dem Neujahrsvorsatz „2015 steht Muskel- und Kraftaufbau ganz oben auf meinem Fitnessprogramm”?

  1. Handeln Sie. Vorsätze interessieren niemanden.
  2. Kaufen Sie mein Buch und setzen Sie sich mit den Inhalten auseinander.
  3. Setzen Sie die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat um. Fangen Sie sofort damit an und bleiben Sie ein Leben lang dran.

Vielen Dank für das Interview!

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