Yoga-Faszien-Training

Katharina Brinkmann im E-Interview

„Mein persönlicher Favorit ist der räkelnde Hund, also eine „fasziale“ Variante zum herabschauenden Hund. Der räkelnde Hund ist sehr wohltuend, weil er die leider oft verkürzte Beinrückseite streckt und sich die Wirbelsäule in alle Richtungen bewegen kann. Der Brustkorb wird geöffnet und – was besonders toll ist – die Halswirbelsäule ist mal ganz ohne Belastung, denn der Kopf hängt nach unten. Und so sieht man die Welt auch mal aus einer anderen Perspektive…“

Frau Brinkmann, fast zeitgleich mit Ihrem Übungsbuch „Yoga-Faszien-Training“ ist auch der Ratgeber „Dynamisches Faszien-Yoga“ erschienen. Was unterscheidet Ihr Werk von dem der Kollegin Amiena Zylla?

banner-2016-2_yoga-faszientrainingFaszien haben verschiedene Eigenschaften und Funktionen im Körper, daher unterscheiden sich auch die Trainingsmöglichkeiten. Durch langkettige, variantenreiche Stretches beeinflussen wir die Ausrichtung der Kollagenstruktur. Durch federnde, schwungvolle Bewegungen nutzen wir eine bisher wenig beachtete Fähigkeit der Faszien: Sie können Energie speichern und diese dann auch wieder entladen, um Muskelkraft zu sparen. Die Faszien bleiben so elastisch und geschmeidig. Durch spezielle Atemübungen lassen sich auch die inneren Faszien in Schwingung versetzen. Dies sind alles Beispiele wie Faszien-Training wirken kann.

…und darin unterscheidet sich Ihr Ansatz von Amiena Zyllas?

In meinem Buch Yoga-Faszientraining habe ich 5 Elemente, die das Fasziennetz im Ganzen ansprechen: Die Selbstmassage mit der Rolle, das langkettige Dehnen, Übungen zur Stärkung der tiefen frontalen Faszienkette, Schwingen, Federn und Hüpfen und abschließend – als wichtiges Element – verschiedene Atemtechniken. Jedem dieser Elemente ist ein Kapitel mit Übungskatalog gewidmet. Es ist aber ganz klar: Nur alle Elemente zusammen ergeben ein umfassendes Training der Faszien, daher empfehle ich alle Techniken in eine Einheit einfließen zu lassen. Ich vergleiche jedes Element mit einer Blüte einer Blume. Nur wenn alle Blütenblätter wachsen, also alle Elemente integriert sind, kann die Blume richtig ausblühen und scheinen. Amiena legt in ihrem Buch den Fokus auf die elastischen Elemente im Yoga, um die Geschmeidigkeit des Fasziennetzes zu fördern.

Wann und wodurch wurde Ihr Interesse am Trend-Thema „Faszien“ geweckt?

Den ersten Kontakt mit dem Thema Faszien hatte ich, als der „Trend“ aufkam, mit den Faszienrollen zu arbeiten. Ich habe mich dafür interessiert, was dahinter steckt, denn ich war zunächst skeptisch, was es bringen soll, auf einer harten Rolle zu liegen. Also habe ich mich mit dem Thema Faszien auseinandergesetzt und festgestellt, dass Faszientraining noch viel mehr bietet als nur das Rollen. Ich habe lange Zeit selbst getanzt und auch unterrichtet. Daher bin ich ein Freund davon, mit dem eigenen Körper und Bewegungen zu arbeiten. So kam ich zur Fascial Fitness Association und habe dort die Ausbildung zum Fascial Fitness Trainer gemacht, um noch tiefer einzutauchen in die Faszien-Welt – und war begeistert: Das, was ich im Yoga schon lange gespürt habe, die Elastizität, Weichheit und Einheit nach der Yoga-Praxis, wurden für mich nun auch in der Theorie erklärbar. Für mich auch ein riesen Mehrwert, denn das kann ich nun auch an meine Kunden weitergeben. Mein Interesse an der Wissenschaft war letztlich so groß, dass ich 2014 meine Master-Thesis dem Thema Faszien und Yoga gewidmet und das Ganze somit auch wissenschaftlich untermauert habe.

FASZIEN-WISSENSCHAFT & -TREND

Ist die Funktionsweise der Faszien heute ausreichend erforscht, um dafür spezielle Workouts bzw. eine eigene „Yoga-Disziplin“ anzubieten?

Man weiß heute, dass die Ursachen für Rückenschmerzen und Verspannungen nicht unbedingt ein muskuläres, sondern vielmehr ein fasziales Problem sind. Die Faszien stehen also völlig zurecht im Fokus, da sie in den letzten Jahrzehnten eher weniger Beachtung fanden. Dank der Technik bestehen heute ganz andere Möglichkeiten, Faszien „sichtbar“ zu machen. Man muss wirklich sagen, dass die Forschung noch ganz am Anfang steht. Wahrscheinlich erwarten uns in den nächsten Jahren noch viele weitere Erkenntnisse. Dennoch gibt es definitiv fundierte Forschungsergebnisse, von denen Empfehlungen für die Praxis abgeleitet werden können. Wichtig ist vor allem, aus den Erfahrungen zu lernen.

Sie sind nicht nur Sporttherapeutin, sonden auch Personal Trainerin. Inwieweit kommen KundInnen inzwischen aufgrund Ihrer Faszien-Spezialisierung gezielt auf Sie zu?

Gerade bei den Yoga-Kursen entscheiden sich die meisten speziell für das Faszien-Yoga, weil sie gezielt etwas für ihr Bindegewebe tun möchten. Im Einzeltraining hängt es ganz von der Zielstellung der Kunden ab. Es sind gerade Menschen mit körperlichen Einschränkungen, die vor allem wegen der Faszien Thematik kommen. Menschen, die festgestellt haben, dass es nicht ausreicht, den Körper zu unterteilen in „schmerzhaft“ und „gesund“. Im Faszientraining, wie auch im Yoga, stellt der Körper eine Einheit dar und wird auch als solche trainiert. In meiner Arbeit als Sporttherapeutin in einer Schmerzklinik kann ich jedoch feststellen, dass viele noch nie von Faszien gehört haben oder diverse Halbwahrheiten in den Köpfen kursieren. Nichtsdestotrotz sind die Patienten, wenn sie nach 6 Wochen nach Hause gehen, begeistert und ich freue mich, wenn sie auch zu Hause weitermachen.

FASZIEN-YOGA: WAS? WIESO? WARUM?

Was zeichnet die Kombination von Yoga und Faszientraining im Allgemeinen und Ihre persönliche Variante im Besonderen aus?

Bewegung im Allgemeinen hält unsere Faszien in Schwung. Yoga ist dank der langkettigen Stretches und der globalen Sichtweise auf unseren Körper ein hervorragendes Faszientraining. Es gibt so viele verschiedene Arten von Yoga, die auf völlig unterschiedlichen Ebenen ansetzen. In vielen Yoga-Stilen wird recht lange in den verschiedenen Haltungen verharrt und Ausrichtungsprinzipien werden dogmatisch umgesetzt. Im Yoga-Faszientraining sind die Haltungen dynamisch und frei, sodass der gesamte Körper in Schwung ist. Deswegen sind gerade die schwungvollen Elemente charakteristisch für Faszien-Yoga. Schwungvoll können auch auch kleinste Schwingungen im Körper sein, die wir im Faszien-Yoga erspüren. Ein weiterer Ansatz in Faszien-Yoga ist der, dass die Haltungen „erforscht“ werden. Nachdem eine Haltung eingenommen ist, wird durch Richtungswechsel in der Dehnung das Fasziennetz in alle möglichen Richtungen aufgespannt.

Wie oft und wie lang sollten Trainingseinheiten beim Faszien-Yoga sein?

Generell gilt im Faszien-Training: Weniger ist mehr. Dafür konstant und dauerhaft bei der Stange bleiben, denn Faszien reagieren deutlich langsamer auf Trainingsimpulse als Muskulatur. Eine Faszien-Yoga-Einheit ist bei mir wie oben schon erläutert immer so aufgebaut, dass alle Techniken miteinfließen. Ich vergleiche das mit einer Lotusblüte. Jedes Blatt steht für eine Technik. Nur alle Elemente gemeinsam machen das Training wirklich komplett und sprechen in die Faszien in all ihren Funktionen an. Um alle Elemente mit aufzunehmen, sind meine Kurse 75 Minuten lang, sodass die Teilnehmer genügend Zeit zum Entspannen haben. Auch für ein Komplettprogramm zu Hause sollte man sich 60 Minuten Zeit nehmen – und das 2 bis maximal 3 mal in der Woche. Bei kleiner Zeitfenstern kann man die einzelnen Elemente auch auf die Woche verteilen. Und was mir besonders wichtig ist: Faszientraining auch im Alltag integrieren. Faszien lieben Bewegungen.

Worin unterscheiden sich denn z.B. die Bewegungen des von Ihnen entwickelten „Fasziengrußes“ vom „Sonnengruß“? Und was genau macht ersteren so wertvoll für die Faszien?

Der Fasziengruß fehlt bei mir in keiner Faszien-Yoga Stunde. Der Unterschied zum Sonnengruß liegt darin, dass die einzelnen Haltungen und Übergänge gezielt auf die Faszien ausgerichtet sind. Der rote Faden, also die klassische Abfolge ist die Gleiche wie beim Sonnengruß, aber der Herabschauende Hund wird zum Beispiel nicht statisch gehalten, sondern für 5 Atemzüge räkelnd und streckend gehalten. Beim Übergang vom Berg in die Vorbeuge wird mit dem Katapult-Effekt gearbeitet. Die Körpervorderseite wird beim Einatmen in den Berg aufgespannt und beim Ausatmen entläd sich die aufgebaute Energie impulsartig beim Nach-Unten-Kommen in die Vorbeuge. Ich integriere also die Elemente Federn, Hüpfen, Schwingen sowie das Räkeln und Strecken in den Sonnengruß, um Bewegungsformen einzubauen, die die Faszien lieben.

VOM SCHWINGEN, FEDERN & HÜPFEN

„Selten länger als ein paar Atemzüge in einer Haltung verweilen“ gehört zu Ihren Grundsätzen im Faszien-Yoga. Warum?

Mit dem Satz ist nicht gemeint, dass Sie ständig von einer Position in die Nächste hechten sollen. Es geht vielmehr um Mikrobewegungen, die der Übung nochmal eine neue Qualität geben. Faszien lieben Bewegung aller Art. Ob kleine Richtungswechsel in der Dehnung, große schwungvolle Bewegungen oder allein eine tiefe Atmung. Je vielseitiger die Bewegung, umso besser für die Faszien. Eintönige, monotone oder sogar keine Bewegung ist für die Faszien am schlimmsten.

In Ihrem Übungskatalog widmen Sie ein ganzes Kapitel dem „Schwingen, Federn & Hüpfen“. Wieso das?

Schwingen, federn und hüpfen sind elastische Bewegungen, und wenn die Faszien etwas von anderen Geweben im Körper unterscheidet, ist es ihre enorme Elastizität und die Fähigkeit, Energie zu speichern. Eine gesunde Faszie kann sehr stark gedehnt werden und kehrt trotzdem wieder in ihre ursprüngliche Länge zurück. Ähnlich wie ein Gummiband speichern die Faszien Energie, wenn sie gedehnt werden. Beim Lösen der Spannung entläd sich diese Energie, und diese Energie nutzt unser Körper bei jeder elastischen Bewegung. Bei diesen oben genannten Bewegungsformen übernehmen die Faszien die Hauptaufgabe, die Muskulatur tritt in den Hintergrund und dadurch werden unsere Bewegungen ökonomischer, also kraftsparender. Und damit unsere Faszien auch langfristig elastisch bleiben, um uns dynamisch und schwungvoll durch den Alltag zu tragen, sollten diese Art der Übungen nicht im Training fehlen. Und neben diesem theoretischen Hintergrund: Zu schwingen, federn und hüpfen macht einfach Spaß ; )

Welche Übung ist (warum) Ihr persönlicher Favorit?

Hm, das ist schwierig. Ich liebe vor allem die federnden, schwingenden und hüpfenden Bewegungen, weil ich mich danach so elastisch fühle. Für unseren Körper sind es ganz natürliche Bewegungsformen, die leider im Alltag etwas verloren gehen. Ich muss selbst zugeben, dass ich selten hüpfend über die Straße laufe ; ) Aber mein persönlicher Favorit ist der räkelnde Hund, also eine „fasziale“ Variante zum herabschauenden Hund. Der räkelnde Hund ist sehr wohltuend, weil er die leider oft (vor allem nach langem Sitzen) verkürzte Beinrückseite streckt und sich die Wirbelsäule in alle Richtungen bewegen kann. Der Brustkorb wird geöffnet und was besonders toll ist – die Halswirbelsäule ist mal ganz ohne Belastung, denn der Kopf hängt nach unten. Und so sieht man die Welt auch mal aus einer anderen Perspektive.

FASZIEN-YOGA ALS ENTDECKUNGSREISE

Profitieren AnfängerInnen und Versierte gleichermaßen von Ihrem Buch?

Ja, ich habe am Ende des Buches ausführlich Trainingssequenzen für verschiedene Levels und Zielgruppen zusammengestellt. Auch der Faszien-Gruß wurde so modifiziert, dass Anfänger einsteigen können und auch schon länger übende Yogis zum klassischen Faszien-Gruß noch eine Erweiterung haben. Auch der Übungsteil ist so aufgebaut, dass der Leser die klassischen Yogahaltungen kennenlernt und dann weitere Varianten folgen, um die Haltung noch „faszialer“ zu machen. Bei den Varianten ist für alle etwas dabei.

Welche Voraussetzungen sollten Ihre LeserInnen – abgesehen von Yogamatte und Faszienrolle – mitbringen, um optimale Trainingseffekte zu erzielen?

Das Wichtigste: Geduld! Faszien reagieren deutlich langsamer als die Muskulatur. Sie brauchen bis zu 2 Jahre um sich komplett zu regenerieren. Eine sehr lange Zeit – aber wenn man bedenkt, über welche Zeiträume wir uns Fehlhaltungen antrainieren, ist es absolut verständlich. Bewegungsfreude, Neugierde und die Lust Neues zu entdecken machen Faszien-Yoga außerdem zu dem was es ist: Eine Entdeckungsreise durch und mit dem eigenen Körper.

VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW!

FITNESS-TRENDS & -NEWS AUS UND FÜR BERLIN