„Yoga ist ein Arschloch“

Christine Bielecki im E-Interview

„Also mal ehrlich, ich mag es nicht, wenn jemand Yoga zu einer olympischen Disziplin machen möchte. Yoga ist und darf kein Wettkampf sein. Und ich mag auch nicht, wenn Leute sich hinstellen und behaupten, Yoga heile alles. Ich finde Yoga großartig, aber es ist leider kein Allheilmittel.“

Frau Bielecki, Sie sind Sportwissenschaftlerin und Yoga-Lehrerin. (Warum) ist Yoga für Sie – in Relation zu anderen Sportarten – ein besonderes Arschloch? ; )

buch_yoga-ist-ein-arschloch2016-3Keine Sportart bringt mich derart dazu, mich mit mir selbst zu beschäftigen, wie Yoga das macht. Ich kann mich beim Sport ärgern, darüber dass ich etwas nicht kann oder nicht mehr kann, dass ich schlechter war als ich es erwartet habe, oder über Konkurrenten, eine Regel, schlechte Bedingungen, eine Verletzung, usw.. Aber keine Sportart erwartet von mir, dass ich mich mit mir als Mensch so sehr auseinandersetze. Yoga ist nicht nur physische Praxis. Und das macht es zuweilen so – sagen wir mal – unangenehm.

Ihr Buchtitel „Yoga ist ein Arschloch“ verrät, dass Sie eine eher undogmatische Haltung zur Yoga-Lehre einnehmen. Gibt es für Sie dennoch die eine oder andere unantastbare Regel?

Als Yogalehrerin im Umgang mit meinen Schülern gibt es für mich sogar ziemlich viele Regeln, die ich für unantastbar halte. Die alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Als Yogapraktizierende versuche ich mich im Umgang mit anderen beispielsweise an die Yamas zu halten, eine Art Verhaltensregeln, die für mich – übrigens auch ganz unabhängig von der Yogapraxis – selbstverständlich sind.

Welche Trends, Personen oder (Geistes-)Haltungen in der wachsenden Szene können Sie noch immer aus der Fassung bringen?

Kennen Sie nicht das Klischee von der tiefenentspannten Yogalehrerin? Mich bringt doch so schnell nichts aus der Fassung ;-) Also mal ehrlich, ich mag es nicht, wenn jemand Yoga zu einer olympischen Disziplin machen möchte. Yoga ist und darf kein Wettkampf sein. Und ich mag auch nicht, wenn Leute sich hinstellen und behaupten, Yoga heile alles. Ich finde Yoga großartig, aber es ist leider kein Allheilmittel.

YOGA FÜR FRAUEN UND SEXGÖTTER

In Ihrem Ratgeber stehen Yoga-Klischees im Mittelpunkt – und zwar sowohl optimistische wie pessimistische Vorurteile. Sind letztere nicht allmählich aus der Mode geraten?

Ich freue mich, wenn das in Ihrem Bekanntenkreis so ist. In meinem nicht. Ich begegne ständig Menschen, deren Yogabild aus Frauen im Schneidersitz in Wollsocken besteht oder die bei Yoga an indische Gurus denken, die die Füße hinter die Ohren legen können. Ich habe Freunde, die gehen nicht zum Yoga, weil sie glauben, der Yogalehrer würde ihnen verbieten, Kaffee oder Wein zu trinken.

Welches Klischee ist am weitesten verbreitet, und welches ist aus Ihrer Sicht besonders skurril?

Ich höre immer wieder: „Yoga? Dafür bin ich zu unbeweglich.“ Das ist als würde ich sagen: Joggen? Nee, das fange ich erst gar nicht an, weil ich ja sowieso nie im Leben einen Marathon laufe. Es geht gar nicht darum, beweglich zu sein, wenn man Yoga übt. Sondern (unter anderem) darum, beweglicher zu werden.

Sie greifen u.a. die Vorurteile auf, Yoga sei nur was für Frauen, und Yoga forme Sexgötter. Aber warum erwähnen Sie nicht, dass Männer nur zum Spannen beim Yoga mitmachen? ; )

Sie meinen, genau wie Frauen nur ins Fitnessstudio gehen und auf dem Crosstrainer stehen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Hintern der Männer zu haben, die Kniebeugen machen? ;-)
Bestimmt gibt es Männer, die zum Yoga gehen, um Frauen anzuschauen, vielleicht sogar kennenzulernen, aber den Großteil der Männer halten Sie hoffentlich nicht für so einfach gestrickt.

Wieso ist es Ihnen ein Bedürfnis, mit Yoga-Stereotypen aufzuräumen, obwohl die Sportart doch längst den Mainstream erreicht hat?

Gerade ist eine amerikanische Studie vom Yoga Journal und der Yoga Alliance, einer internationalen Organisation von Yogalehrern, veröffentlicht worden, in der zu lesen war, dass viele Amerikaner der Meinung sind, Yoga sei hauptsächlich für junge Frauen, die bereits sehr beweglich und sportlich sind. Wenn Sie sich die Yogamagazine und die Werbung anschauen, ist diese Denkweise auch nicht verwunderlich. In der Generation meiner Eltern machen doch beispielsweise die wenigsten Yoga, dabei wäre es gerade für alte Menschen wichtig, an ihrer Beweglichkeit zu arbeiten. So lange es noch nicht selbstverständlich ist, Yogaübungen in den Trainingsalltag zu integrieren und so lange es in Unternehmen noch nicht Standard geworden ist, die Mitarbeiter mittags dazu zu ermutigen, zum Yogaunterricht zu gehen, um Rückenschmerzen vorzubeugen oder entgegenzuwirken, ist in Sachen Aufklärungsarbeit noch nicht genug getan. In Kalifornien beispielsweise bin ich übrigens kaum einem Mann begegnet, der Yoga nicht mindestens schon mal ausprobiert hatte. Da ist Yoga so selbstverständlich wie Wellenreiten. So weit sind wir in Europa noch lange nicht.

WARUM YOGA TROTZDEM GUTTUT

Welche LeserInnen profitieren besonders von Ihren Klischee-Aufräumarbeiten?

Yoga fasziniert mich. Aber während meiner Ausbildung zur Yogalehrerin blieben für mich unheimlich viele Fragen offen. Ich wollte wissen, was Yoga wirklich kann und warum. Was passiert in meinem Körper beispielsweise, wenn ich verschiedene Haltungen einnehme? Warum ist die Atmung so wichtig? Und warum hilft Yoga ganz eindeutig beim Entspannen? Das Buch spricht aber auch diejenigen an, die noch skeptisch sind, die wissen oder vermuten, dass Yoga ihnen guttun würde, sich bislang aber dagegen gesträubt haben, es auszuprobieren – unter anderem wegen all den bestehenden Klischees.

Worauf sollten Yoga-AnfängerInnen bei der Wahl von Schule, LehrerIn und Stil unbedingt achten?

Der Stil muss zu einem passen. Ich bin ein Bewegungsmensch, und ich weiß, dass mir mehr Meditation manchmal sicher guttun würde. Aber wenn ich beispielsweise als erstes zum Kundalini Yoga gegangen wäre, einem Stil, bei dem es mehr um geistige und spirituelle Aspekte geht, wäre ich aus dem Studio gerannt und nie mehr zurück gekommen. Der Stil muss einem Spaß machen, dann ist die Chance auch groß, sich später sukzessive mit allen möglichen Facetten von Yoga zu beschäftigen. Und dann muss ich eine/n LehrerIn finden, der/die weiß, was er/sie unterrichtet und wovon er/sie spricht, der/die authentisch ist und nicht glaubt, er/sie könne den Doktor oder den Physiotherapeuten in meinem Leben ersetzen. Und, um mit den Worten einer meiner Ausbilderinnen zu sprechen: Such eine Schule, die dir nicht „weird“ vorkommt.

…aber sind’s nicht gerade „verrückte“ Erfahrungen, die eine/n (im Yoga) den Blick weiten?

Ich gehe manchmal in Yogaunterricht, der mich nicht direkt anspricht. Ich probiere auch mal etwas aus, was ich vielleicht noch vor einigen Jahren total seltsam gefunden hätte. Ich habe beispielsweise auch bewusst die Ausbildung zum Therapeutic Yogalehrer gemacht und ich würde trotzdem nicht alles unterschreiben, was ich dort gelernt habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nie zum spirituellen Singkreis gehen werde und ich will auch keinen Yoga-Altar zu Hause haben. Das passt einfach nicht zu mir und das ist auch okay so. Ob mir mehr Oms und mehr Gesang manchmal guttun würden, will ich nicht abstreiten. Im Moment singe ich übrigens ziemlich viel. Sogar auf Sanskrit. Aber nur für meine vier Monate alte Tochter.

VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW!

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